Link zu Holicap.de - Freizeit und Reisen barrierefrei

Merkzettel

Objekte auf dem Merkzettel:

0
Link zu unserer Facebook-Seite Link zu unserem Youtube-Kanal

04.04.2017 - Passauer Neue Presse

Inklusion ist keine Illusion

Veröffentlicht am Dienstag, 04. April 2017

 

Podiumsdiskussion: Teilhabe von Menschen mit Handicap gelingt schon, reicht aber noch nicht – Vor allem die Barrieren in Köpfen müssen fallen

 

Inklusion ist keine Illusion. Das zeigen viele gute Beispiele. Es darf aber nicht dabei bleiben. Damit Menschen mit Behinderung in allen gesellschaftlichen Bereichen Teilhabe erhalten, müssen noch so manche Barrieren in den Köpfen fallen. Das ist das Ergebnis einer Podiumsdiskussion zum Abschluss der Fachtagung "Mehr Inklusion in Gesellschaft und Region", zu der Diözesan-Caritasverband Passau in die Staatliche Berufsschule 1 eingeladen hatte.

Damit Inklusion gelingt, brauche es barrierefreie Zugänge zu Behörden, Ärzten, Geschäften, Freizeit- und Ausflugszielen, sagte Unternehmerin Dr. Anna Radke, die im Rollstuhl sitzt, auf die Frage von Moderator Christian Keim von "unserRadio". Sie seien noch immer nicht selbstverständlich. Früher habe es einen "Barrierefrei-Wegweiser" gegeben.

Als dieser in Druck ging, sei er schon wieder veraltet gewesen, antwortete OB Jürgen Dupper. Der Schwerbehindertenbauftragte arbeite an einem neuen App-gestützten "Barrierefrei-Führer" von Passau. Inklusion sei schon Jahrzehnte Lebensinhalt von Verbänden und Engagierten. Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu ermöglichen – das müsse gelebt werden und verlässliche Strukturen haben. Lebenshilfe, Fußballvereine, Frühförderung oder das Zeughaus mit dem Jugendtreff "stufenlos" ermöglichten sie. Auch die Special Olympics fanden in Passau statt. Man solle die Lage nicht schlechterreden, als sie ist. Er sah aber noch Handlungsbedarf in der Gesellschaft.

Stellvertretender Landrat Raimund Kneidinger räumte ein, dass dieser auch beim barrierefreien Ausbau des Landratsamts am Domplatz oder des Museums Obernzell besteht. Es gelte zudem, Barrieren in den Köpfen abzubauen. Kinder seien hier viel unkomplizierter. Man müsse von kleinauf beginnen. Die Bereitschaft zum Umdenken mahnte auch Rechtsanwalt Alban Westenberger an, zum Beispiel für den Freizeitbereich. Der Bedarf sei vorhanden. Dem Anspruch der Betroffenen bei Versorgung, Wohnen und Arbeit gerecht zu werden solle Leitlinie des Handelns sein.

Um Menschen gleich zu behandeln bedürfe es gesetzlicher Regelungen, antwortete Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich aus dem "Caritashaus" Freyung auf die Frage nach dem Grund für den "bürokratischen Wahnsinn", dem Menschen mit Behinderung oft ausgesetzt seien. Dass Inklusion selbstverständlich wird gehe nicht von selbst. Er lobte die Arbeit der Caritas.

Bedeutet Inklusion, dass alle Kinder mit Behinderung die Regelschule besuchen? Silke Drexler, Elternbeiratsvorsitzende der St. Severinschule, sagte dazu ein klares Nein. Für ihren Sohn Jonas, der unter dem Angelmann-Syndrom leidet, einer schweren geistigen Behinderung, sowie für die ganze Familie sei die St. Severinschule "ein Segen". Jonas freue sich auf die Schule und komme zufrieden heim. Tolle Hilfe habe er auch von Caritas-Frühförderungsdienst und Sozialpädiatrischem Zentrum (SPZ) erhalten. Man solle aufeinander zugehen. Die Gesellschaft sei aber oft ablehnend. Dies erfahre sie auf der Straße.
Prof. Dr. Christina Hansen von der Uni Passau schilderte die Vision, dass es Schulen gibt, an denen Regelschullehrer und Sonderpädagogen gemeinsam arbeiten. Die Tagung zeige, dass es viel in Richtung Gemeinsamkeit gibt, auch wenn noch Grenzen zu überwinden seien. Doch wollten manche Studenten nichts von Behinderung wissen. Auf einem guten Weg sah MdL Dr. Gerhard Waschler die CSU-Landtragsfraktion, die morgen, Mittwoch, ein Bildungspaket vorstelle, demzufolge sonderpädagogische Förderzentren zum Wohl der Kinder erhalten bleiben und zugleich Lehrer in Sonderpädagogik geschult sowie Studiermöglichkeiten geschaffen werden sollen.

In Sachen Inklusion seien die Schulen in Stadt und Landkreis Passau noch lange nicht am Ziel, bilanzierte Schulamtsdirektor Werner Grabl. Förderzentren mit ihren großen Kompetenzen seien dringlicher denn je. Profilschulen "Inklusion" stünden in Salzweg, Hutthurm, Vilshofen und mit der Don-Bosco- und Grundschule Hacklberg in Passau, die zwei Down-Kinder aufnimmt. Engagierte Lehrer würden auch in Fürstenzell ein blindes Kind inkludieren. Mehr Lehrerfortbildung und -ausbildung an der Uni sei notwendig. Ein Impuls der Tagung sei, Inklusion auch an Gymnasien, beruflichen und Realschulen zu fördern. SPZ-Leiter Dr. Christian Schropp von der Kinderklinik sah vor allem die Inklusion von Flüchtlingskindern mit Handicap als Herausforderung, da keine Unterlagen über Vorgeschichte, genetische Erkrankungen oder Erfahrungen vorhanden sind, etwa bei Rückenmarkschädigung durch Splitterbomben. Auch das kulturelle Verständnis und die Hilfsmittelversorgung durch die Kassen erschwerten diese. Die Don-Bosco-Schule (K-Schule) sei sehr wertvoll, weil sie die notwendige Ausstattung besitzt, Therapeuten und Experten vor Ort sind.

Inklusion sei nicht das Topthema von Kranken- und Pflegeversicherung, räumte Reinhold Dirndorfer von der AOK ein. Sie bemühe sich aber, Menschen mit Behinderung zu helfen. Es werde jeder Einzelfall geprüft. Finanzen und Gesellschaft setzten Grenzen. Hier sei ein Umdenken in den Köpfen wichtig. Das forderte auch Anwalt Westenberger bei der Bewilligung von Hilfsmitteln.

In der beruflichen Integration in den ersten Arbeitsmarkt sei sie an Grenzen gestoßen, erzählte Anna Radke. Sie habe sich daher selbständig gemacht. Wenn es normal ist, dass es behinderte Menschen gibt, sei es auch normal, ein Hotel zu bauen, dass sie dort hingehen können, resümierte Dr. Schropp.
Gerhard Krinninger, Leiter des Caritas-Frühförderungsdienstes, rief am Ende der Tagung auf, Inklusion noch mehr Wirklichkeit werden zu lassen, damit Menschen mit Behinderung "nicht von Haus aus zu den Verlierern in der Gesellschaft gehören und ihnen gleichberechtigte Chancen und Perspektiven der Teilhabe und Entfaltung eigener Fähigkeiten eröffnet werden.

Am Vormittag hatten rund 150 Betroffene, Eltern, Experten und Politiker den Stand der Inklusion diskutiert. Beeinträchtigte dürften nicht zugleich benachteiligt werden, mahnte Caritasdirektor Michael Endres. Für Behindertenbeauftragte Irmgard Bandura ist Inklusion eine Frage der Haltung. Es gehe um eine Gesellschaft, die Vielfalt als Chance begreift.

Diesen Artikel können Sie hier als pdf-Datei ansehen.

Quelle: Passauer Neue Presse